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Leserbrief an Der SPIEGEL

Sehr geehrte SPIEGEL Redaktion,

wir haben Ihren Artikel über die Käuflichkeit der Selbsthilfeorganisationen (Der Spiegel 17/2008 S. 98ff. „Patienten im Visier“) gelesen und mussten uns doch sehr über die einseitige Berichterstattung wundern. Wir hatten angenommen, der SPIEGEL sei objektiv und seine Artikel seien gut recherchiert?!

Als erfahrene Diabetiker waren wir schon sehr überrascht von Ihnen zu lesen, dass die Firma Abbott „ein führender Hersteller von Insulin-Analoga“ sei. Die Firma Abbott stellt kein Insulin her und wird es unseres Wissens in absehbarer Zeit auch nicht tun. Abbott ist ein führender Hersteller für Blutzuckermesssysteme, wie das zu Ihren Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Insulin-Analoga passt ist uns schleierhaft.

Wir sind selber seit Jahren in der Diabetes-Selbsthilfe aktiv, zudem insulinpflichtige Diabetiker und mit Analoginsulin eingestellt. Der methodische Ansatz des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ist, im Besonderen mitverantwortet, bzw. verschuldet von Herrn Sawicki, ist genauso falsch wie unsinnig. Von über 1000 verfügbaren Studien zu kurzwirksamen Insulinanaloga wurden lediglich neun ausgewählt um eine Bewertung des Nutzens dieser Insulinart bei Diabetes mellitus Typ-1 vorzunehmen. Die Kriterien wurden so gelegt das nur diese kleine Anzahl an Studien betrachtet werden konnte. Wissenschaftlich fundierte Arbeit sieht anders aus. Sofern einem Wissenschaftler an einem objektiven und möglichst repräsentativen Forschungsergebnis (ohne vorher festgelegte Vorgaben z.B. durch das Bundesministerium für die Gesundheit) gelegen ist, wäre es sinnvoll möglichst viele Studien in die Bewertung einfließen zu lassen. Die Tatsache, dass in einer vorherigen Selektion neun Studien ausgewählt wurden, lässt einen objektiven Beobachter nur einen Schluss ziehen, es ging nie um eine Studie im eigentlichen Sinn, sondern eher um die Verteidigung von Sparmaßnahmen unter einem wissenschaftlichen Deckmantel.

Ferner ist das Ergebnis des IQWIG genau das Gegenteil der internationalen Meinung, dort ist das Insulin Analoga ein Standard, hier wird es zur Ausnahme werden. Andere Länder, auch solche, mit einem deutlich schlechteren Gesundheitssystem, können sich das Insulin leisten, Deutschland nicht? Deutschland ist wieder einmal auf dem besten Weg, sich von der Spitzengruppe zu verabschieden und sich den „schlechteren“ anzugleichen. Für einen reichen Staat, der Deutschland ohne Frage ist, kann der Anspruch aber nur sein, immer (ohne Ausnahme) der Spitzengruppe anzugehören, wenn nicht gar der Anspruch bester in allen Disziplinen zu sein.

Die Lebensqualität, welche bekanntlich schwer zu überprüfen ist, da sie für jeden Patienten etwas anderes bedeutet, zählt wohl nicht mehr und wurde in dem Entschluss des IQWIG anscheinend komplett ausgeblendet? Das Gesundheitssystem sollte seinen Preiskampf nicht zu Lasten der Patienten austragen. Wir würden gar behaupten, der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) kommt die Krankenkassen deutlich teurer, als die Kosten für gute Medikamente. Geld in die Verhinderung von Folgeerkrankungen zu investieren kostet Heute Geld, spart dafür aber Morgen Milliarden.

Chronisch kranke Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus Typ-1 können für ihre Erkrankung nichts, es ist eine Autoimmunerkrankung und nicht wie landläufig vermutet durch zu viel Süßigkeitenkonsum et cetera ausgelöst. Die Entscheidungsträger sollten eventuell einmal selbst einen Teil der Diabetes Therapie konsequent in Form eines Selbstversuches durchführen, beispielsweise mindestens viermal am Tag den Blutzucker messen und 30 Minuten vor jeder Mahlzeit das benötigte Insulin berechnen und in Form von Kochsalzlösung injizieren mit allen Konsequenzen, wenn man seinen Hunger über- oder unterschätzt hat. Diese Praxis ist für Jugendliche in Schule und Universität und Erwachsene, die einer Arbeit nachgehen, wo vom Arbeitnehmer heutzutage mehr denn je erwartet wird, innerhalb von kürzester Zeit überall einsatzbereit zu sein, unmöglich durchführbar. Die Aussage: „Sorry Chef, ich habe vor 30 Minuten mein Insulin gespritzt, ich werde jetzt erstmal in Ruhe Mittag essen.“ ...trägt sicherlich nicht der Sicherung des Arbeitsplatzes bei. Als Diabetiker fühlen wir uns durch die Aussagen von Herrn Sawicki diskriminiert und bekomme den Eindruck als Diabetiker nicht mehr als ein Kostenfaktor für die Gemeinschaft zu sein, nota bene ein Klotz am Bein. Doch genau die Entscheidung des G-BA, begründet durch die Arbeit von Herrn Sawicki, lässt uns erst zu einem störenden Klotz am Bein werden.

Selbsthilfeorganisationen könnten allesamt einpacken, wenn kein Geld durch die Pharmaindustrie den Patienten zugewandt würde. Sicherlich haben Sie mit der Aussage recht, dass man vorsichtig sein muss, nicht seine Objektivität zu verlieren. Aber keine Selbsthilfegruppe der Welt kann etwas bewegen, respektive informieren, ohne finanzielle Mittel zu haben. Chronisch kranke Menschen sind schon stark genug finanziell belastet, Geld liegt im Zweifel nicht auf der Straße, staatliche Förderung für Selbsthilfegruppen gibt es nicht. Vielleicht sollte sich der gebildete Leser mal die Frage stellen, wieso es so weit gekommen ist, dass Selbsthilfegruppen gezwungen sind, Geld von der Pharmaindustrie anzunehmen.

Als kleinen Nachtrag zu der „wissenschaftlich fundierten Arbeit“ von Herrn Sawicki. Bei Ihren Recherchen hätte Ihnen auffallen müssen, dass eine, für die Entscheidung essentielle Studie, von einem Institut erstellt wurde, das von der Ehefrau von Herrn Sawicki geleitet wird. Hierfür stand er, ebenso wie für Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe seiner Forschungsaufträge bereits stark in der Kritik. Halten Sie es für sinnvoll, sich ausschließlich auf die Meinung dieses Wissenschaftlers zu beziehen?

Mit freundlichen Grüßen

Für Diabetes-Teens.net:
Katarina Braune
Richard Schlomann
Jan Twachtmann