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Das Smartphone unter den Blutzuckermessgeräten

Einleitung

Wollten Sie schon immer mal ein Blutzuckermessgerät mit Touchscreen haben, so wie ihr Smartphone? Das ist jedoch nicht das einzige, das beim im Folgenden zu testenden FreeStyle InsuLinx an die intelligenten Begleiter zum Telefonieren erinnert. Seit langen ist es mal wieder ein FreeStyle Gerät aus dem Hause Abbott, dass uns zum ausführlichen Langzeittest zur Verfügung steht. Viel Spaß beim Lesen.

Das FreeStyle InsuliLinxDaten

Firma : Abbott
Name des Gerätes : FreeStyle InsuLinx
Blutprobenmenge : 0,3 µl
Messzeit : (siehe Text - Meinung)
Speicher : ca. 165 Tage bei 3 Blutzuckerwerten und 3 Insulineingaben
Messprinzip : Elektrochemischer Coulometriesensor
Messbereich : 1,1 mmol/l - 27,8 mmol/l
Kalibrierung : Plasmaäquivalente Blutzuckerwerte
Betriebstemeperatur: 4 - 40 °C
Abmessungen: 6 x 9,5 x 1,5 cm
Batterien: 2+1 x CR2032
PC-Verbindung: USB Kabel (wird mitgeliefert) und eigene Software: Auto-Assist-Software
Besonderes: Touchscreen mit integrierter Datenverarbeitung im Gerät
Internet-Präsententation: https://www.freestyleinsulinx.de / http://www.ich-lasse-rechnen.de

Lieferumfang

Im Lieferumfang enthalten war das Messgerät, eine Tasche, 10 Teststreifen, die Stechhilfe, die Dokumentation inkl. Serviceblätter und natürlich die Lanzetten. Die Tasche ist ordentlich verarbeitet, gleichwohl ich schon praktischere Konstruktionen in den Händen hielt.
Insgesamt ist der Umfang somit vollkommen normal und verdient das Prädikat “gut”. Weitere Gimmiks, wie ein Ratgeber oder Tagebuch etc. sind nicht enthalten. Gleichwohl der Karton in weiß-gelber Farbgebung und vielen Details ansprechend wirkte, habe ich die Verschachtelung der Verpackung nicht ganz so verstanden, wie ich sie hätte verstehen sollen oder können.

Lobend muss trotzdem erwähnt werden, dass die gesamte Verpackung des Sets aus Pappe bestand und somit 1:1 recycelt werden kann. Andere Hersteller nutzen im Vergleich dazu zusätzlich Plastikelemente, was nur unnötig den Müllberg größer werden lässt. Insgesamt erhält das InsuLinx für diese Kategorie trotzdem nur vier von fünf Sternen.

Optik und Verarbeitung

Auf den ersten Blick wirkt das Messgerät wie jedes andere auch. In der Mitte der unteren Kante befindet sich der Einschub für die Teststreifen, am unteren Ende der Vorderseite sieht man die Bedienelemente in diesem Fall nur ein runder Knopf und rechtsseitig ist - ähnlich wie bei Smartphones - der Mini-USB-Port versteckt. Doch schon allein die Anzahl der Bedienelemente lässt erahnen, dass es andere Möglichkeiten geben muss, dem Gerät Informationen mitzuteilen. Das Display ist folgerichtig sehr groß für ein Blutzuckermessgerät. Da es trotzdem noch geringere Abmaße hat als mein HTC Wirefire S beispielsweise liegt es gut in der Hand und lässt sich auch ohne Tasche ideal transportieren. Vergleichbar mit Smartphones sollte man jedoch trotzdem aufpassen, keinen Schlüsselbund in der gleichen Tasche zu transportieren, da das Gerät durch den Touchscreen auch eine entsprechende Empfindlichkeit aufweist. Trotzdem verdient es in dem Bereich die Höchstwertung.

Dokumentation

Beim Öffnen des Sets war ich irritiert, dass der Benutzer sowohl eine niederländische, französische, italienische als auch eine deutsche Gebrauchsanleitung von jeweils 81 Seiten im A6 Format vorfindet. Dies bedeutet, dass das Set in den besagten Ländern inhaltsgleich ausgegeben wird, was ich unnötig empfinde, denn die besagten unsinnigen fremdsprachlichen Gebrauchsanleitungen werden genauso entsorgt, wie die fremdsprachlichen Garantiekarten oder Bedienungsanleitungen der Stechhilfe. Aber wagen wir einen Blick in die deutschsprachige Anleitung:

Das Seitenlayout ist sehr übersichtlich und durch die Farbgebung bedingt gut zu lesen. Während der Fließtext jedoch in der Schriftgröße 11 oder 12 gedruckt wurde, musste auf der zweiten und dritten Seite das Inhaltsverzeichnis wohl aus Platzgründen so klein gedruckt werden, dass eine Lesbarkeit für ältere oder sehgestörte Diabetiker schwer möglich ist.

Daher gebe ich dem Handbuch nur drei von fünf Stationen. Als Ausweg sei hier noch die Onlineversion des Handbuchs erwähnt, die zumindest die kleine Schriftgröße ausgleichen kann.

Stechhilfe

Die Stechhilfe ist eine alte bekannte. Alle neueren Geräte aus dem Hause Abbott werden mit der FreeStyle Stechhilfe ausgeliefert. Sie ist relativ klein. Am einen Ende findet man den Spannhebel zum Aufziehen der Feder. An den jeweiligen Kanten schließt sich das Drehrad zur Einstichtiefe an. Die Lanzetten werden wie eh und je vorne reingesteckt. Insgesamt ist die Stechhilfe somit nur Mittelmaß und verdient drei von fünf Sternen.

Messung, Einstellungen und Funktionen

Beim ersten Start musste lediglich das Datum und die Uhrzeit über den Touchscreen eingegeben werden. Die Software reagiert sehr flüssig, wenn man den kleinen Bildschirm berührt, auch wenn die Schrift auf dem hellen Display ein wenig mehr Kontrast vertragen könnte. Das große Suchen begann, als ich den Bolusrechner einstellen wollte und den schon in anderen Blogs gelesenen Code eingeben wollte. Nachdem ich ihn nicht fand, muss ich zugestehen, habe ich die Mail von Abbott nochmal gelesen und meinen Arzt angefragt, ob er bei Abbott den Code erfragen könnte. Er lehnte dies ab. Ich persönlich halte diese Vorsichtsmaßnahme für unangebracht, denn sie reduziert die Mündigkeit des Patienten. Im Laufe des Tests war es mir doch möglich, an den Code zu kommen. Daraufhin soll man verschiedene Fragen, wie die Insulinart beantworten. Ein wenig verwirrt war ich, als das Gerät - anders formuliert - fragte, ob ich die ICT oder CT als meine Therapie gewählt habe. Hieran sieht man den unterschiedlichen Nutzerkreis: Während ich keine Typ-1-Diabetiker mehr kenne, die auf ein starres Injektions-Dosis-Schema (CT) setzen, gibt es noch eine ganze Reihe von Typ-2-er für die die einheitliche Dosis an Insulin zur immer gleichen Uhrzeit angebracht ist. Die nächste Überraschung war für mich die variable Definition einer Broteinheit von 15 g KH. Bisher kannte ich nur die 10g bzw. 12g Variante, die sich auch in der Literatur wiederfindet. Aber an dem Punkt werde ich nochmal weiterrecherchieren. Weniger starr war die Einstellung der BE- und Korrekturfaktoren, die nur in 0,5 I.E. Schritten vorzunehmen sei. Vor allem Kinder mit einer Insulinpumpe haben hier genauere Regeln, die auch in der CSII umsetzbar sind. Positiv war jedoch, dass das Gerät die Wirkdauer kurze Zeit zurückliegender Insulininjektionen mitberechnet. Ich könnte alle weiteren Möglichkeiten der Einstellungen erwähnen, belasse es aber bei dieser Einschätzung “des ersten Kontakts” und komme zur Messung.

Diese ist denkbar einfach: Man führt den Teststreifen mit dem breiteren Ende ein, wartet bis das leider nicht sofort beleuchtete Display in einer sehr hohen Auflösung den grafischen Hinweis (mit dem Abbild eines Fingers) gibt, dass “Blut auf [den] Streifen auf[zu]tragen” sei und lässt den Blutstropfen an der Spitze rechts- oder linksseitig einziehen. Im Gegensatz zu anderen Messgeräten wird das Blut nicht sichtbar eingezogen und muss nicht mittig den Teststreifen berühren. Abbott begründete dieses Teststreifendesign vor Jahren mit dem Hinweis, dass so sowohl links- als auch rechtshändige Diabetiker besser ihren Blutzucker messen können. Ich persönlich kann dies nicht nachvollziehen, doch es soll in dem Bericht auch nur am Rande erwähnt werden.

Falls man das Gerät ohne eine Messung starten möchte, muss man lediglich den einzigen runden Knopf drücken. Nachdem der Schmetterling, das Firmenzeichen der FreeStyle Produktreihe, verschwunden ist, findet man sich im Hauptmenü des Gerätes wieder. In jeweils drei Ecken befinden sich kleine Buttons - bezogen auf die Größe und den fehlenden Hilfestellungen - nicht intuitiv erreichbar: Oben links: Die Einstellungen (Zahnkranz), oben rechts: Die Extras (Schmetterling) wie die erwähnten persönlichen Einstellungen, die Funktion “Wöchentliche Nachrichten” (siehe unten) und der Wecker (unten links).
Selbstverständlich kann ich nachvollziehen, dass das Protokoll den größten Stellenwert als Button auf dem Display einnehmen sollte. So findet man das Buch auch zentral in der Mitte des Bildschirmes.

Abschließend möchte ich noch auf die Funktion der wöchentlichen Nachrichten eingehen. Bei der Freischaltung dieser Funktion wird der Nutzer gefragt, welche Zielwerte das medizinische Personal (als wenn er/sie es als mündiger Patient nicht selbst wüsste) für ihn vorgesehen hat. Danach werden die Messwerte wöchentlich an diesen Zielwerten gemessen und im Protokoll zusammengefasst dargestellt.

Trotz der teilweise mir nicht erschließenden Sinnhaftigkeit einiger Funktionen und des Menüaufbaus liegen gerade in diesem Bereich die Stärken des Messgerätes. Bei Vergleichsmessungen mit dem gleichen Blutstropfen kamen fast die gleichen Werte wie bei dem Ascensia Contour USB Next heraus. (7,1 mmol/l ⇔ 7,2 mmol/l) Insgesamt verdient es somit die volle Punktzahl: Fünf Sterne.

Datenübertragung

Die Datenübertragung mit Hilfe der auf dem Gerät installierten Software erfolgt nach dem Plug&Play Prinzip. Der Nutzer muss lediglich das mitgelieferte gelbe USB-Verbindungskabel an einem PC (repräsentativ Mac) anschließen. Beim ersten Start muss die Auto-Assist Software noch installiert werden, doch danach kann der Benutzer auf vielfältige Möglichkeiten zugreifen, die Protokolle des Gerätes auszulesen. Wenn man zusätzlich noch die Insulindosen berechnen lässt und somit ein komplettes Bild zusammentragen kann, gibt die Software auf dem Gerät ihr ganzes Potential ans Tageslicht: Säulen-/Kuchen-Diagramme, Auswertungen u.s.w.
Folglich bekommt die Datenübertragung fünf von fünf Sterne.

PS: Falls Sie das Kabel mal vergessen sollten, fragen Sie einfach nach einem Ladekabel für Smartphones (außer Iphone) - die USB - Mini-USB Verbindung ist dieselbe.

Preis

Wenngleich die Stechhilfe kein Highlight auf dem Markt der Blutzuckermessgeräte ist, so stellt doch das Gerät ansich bisher eine Ausnahme da. Wie verhält es sich mit der preislichen Komponenten, auf die man als verantwortungsbewusster chronisch-kranker ja auch schauen möchte? Bei Ebay erhält das man das Messgeräte-Set aus privater Hand schon für 5 €. Bei Versandhändlern wie DiaExpert scheint das Gerät nicht erhältlich zu sein. Stattdessen kann man dort für 32 € die Teststreifen (50 Stück) erwerben. Andere Anbieter verlangen ähnlich für die Teststreifen “FreeStlye Lite”. Damit liegt das Gerät im absoluten Mittelmaß der namhaften Hersteller und erhält in dieser Kategorie nur vier von fünf Sterne.

Meinung und Fazit

Die Funktion der automatischen Bolusberechnung ist nicht nur bei Blutzuckermessgeräten umstritten. Einige Ärzte und Diabetesberater raten ebenso bei Insulinpumpen davon ab, alles (Insulindosis) ausrechnen zu lassen, da so die Sensibilität für externe Faktoren, wie Sport, Stress etc. verloren gehe. Ich persönlich denke, dass es schon genutzt werden sollte, wobei ich den Nutzen der Funktion nicht so hoch bewerte, wie die Werbemaschinerie von Abbott. Die meisten Schwankungen in meinem BZ Verlauf entstehen nicht durch die falsche Faktorenanwendung, sondern durch die falsche Einschätzung, wie viele BE gerade vor mir liegen. :)

Insgesamt öffnet das Gerät ganz neue Türen im Bereich des diabetologischen Selbstmanagement. Es verbindet die Bedienungsmöglichkeiten eines Touchscreens mit den Speicher und Verarbeitungsmöglichkeiten eines PAD oder Smartphones. Leider - so ist jedoch mein Eindruck - haben sich die Entwickler dabei selbst gehemmt. Wieso können Einstellungen wie die BE / IE Umrechnung nur in 0.5 Schritten vorgenommen werden? Wieso ist ein Teil der Funktion an einen Code gebunden, den man offiziell nur über das medizinische Beratungspersonal erhält? Wieso ist das Menü so umständlich und unverhältnismäßig im Aufbau strukturiert? Wieso ist keine einheitliche Messzeit möglich, da sie vom Blutzuckerwert abhinge (Handbuch S.11 - eine Erklärung, die ich noch nie gelesen habe)? Ich könnte diese Fragen noch weiterausführen, doch es würde dem Leser eine übetrieben negative Meinung suggerieren, die ich nicht habe.

Das Gerät besticht beim sehr großen Funktionsumfang, es verfügt über eine Beleuchtung des Teststreifenschachtes und einer Hintergrundbeleuchtung, die jedoch stärker hätte ausfallen können. Die Datenübertragung ist sehr fortschrittlich und im Gegensatz zu anderen Herstellen liefert Abbott das Verbindungskabel gleich mit. :D

Insgesamt erhält das Gerät knapp vier von fünf Sterne. Ich hoffe, dass Abbott die Idee beibehält und in einiger Zeit eine in der Software überarbeitete Version präsentiert.

Bildquelle: 

Eigene Aufnahme