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Interview mit Dr. med. T. Ellrott über Optifast und das Abnehmen mit Diabetes

1) Sehr geehrter Herr Privatdozent Dr. Thomas Ellrott, in dem ProgrammDr. med. T. Ellrott Optifast home geht es u.a. um ein telekommunikativ betreutes Programm zur Gewichtsreduktion für leicht übergewichtige Menschen. Welche Zielgruppen sollen konkret angesprochen werden?

OptifastHome ist ein Programm für mobile Menschen mit variablen Tagesabläufen. Die professionelle Betreuung und das Coaching erfolgen per Telefon und über das Internet zu frei wählbaren Zeiten. Somit muss hier nicht der Teilnehmer zum Programm passen, sondern der Teilnehmer kann das Programm sehr gut an die persönliche Lebenssituation anpassen.


2) In dem Journal für Ernährungsmedizin 2002, 4 spricht man den Hinweis aus, dass die Formula Diät hauptsächlich ab einen BMI von über 30 angewendet werden soll. Nach dem Optifast Programm ist sie jedoch auch bei Konzepten für die Zielgruppe der 25 bis 30er BMI-Kandidaten ein grundlegender Baustein. Warum wurden nicht andere Diätgrundlagen genutzt?

In den Leitlinien der Deutschen Adipositasgesellschaft, Deutschen Diabetesgesellschaft und Deutschen Gesellschaft für Ernährung zur Therapie der Adipositas aus dem Jahr 2007 findet sich eine derartige Einschränkung nicht mehr. Die Formula-Diät über die ersten drei Wochen des OptifastHome-Programms führt zu einer sehr raschen und sehr motivierenden Gewichtsabnahme. Einen derartigen Erfolg erreicht man mit keiner anderen diätetischen Therapie im gleichen Zeitraum. Zur Stabilisierung des Erfolgs kann der Teilnehmer später
mit Hilfe verschiedener „Stabilisierungspakete“ Betreuung und Coaching je nach eigenen Bedürfnissen fortsetzen.


3) In wie weit ist das Programm für Typ-2-Diabetiker geeignet?

OptifastHome ist kein spezielles Programm für Typ-2-Diabetiker. Vom Konzept her ist es aber dem amerikanischen Lookahead-Konzept für adipöse Typ-2-Diabetiker ähnlich. Daher spricht grundsätzlich nichts gegen eine Gewichtsabnahme mit OptifastHome. Allerdings sollte dies unbedingt im Vorfeld mit dem Arzt abgesprochen werden, da es wahrscheinlich ist, dass die Insulin- und/oder Medikamentendosis schrittweise gesenkt werden muss.


4) Ist es als "Erfolgsstory", wie Sie es auf der Homepage beschreiben, schon vorgekommen, dass sich die Medikation des Typ-2-Diabetes durch den Erfolg des Optifast Programmes verbessert hat?

Wir haben gerade die Ergebnisse von 892 Teilnehmern mit Prädiabetes und Diabetes am Jahrestherapieprogramm Optifast-52 ausgewertet. Die Gewichtsreduktion nach einem Jahr betrug bei Frauen durchschnittlich 20 kg, bei Männern 25 kg. Etwa 40 % der Teilnehmer brachen das Programm ab. Genaue Daten zur Veränderung der Medikation gibt es zwar nicht, aber bei derart relevanten Gewichtsabnahmen kann man von einer deutlichen Reduktion der antidiabetischen Medikation ausgehen.

5) In dem Optifast Junior Programm sprechen Sie gezielt adipöse Jugendliche an. Können Sie aus Ihrer Erfahrung die allseits beschriebene "Flut an Typ-2-Kindern" bestätigen?

Es gibt heute tatsächlich bereits mehr Jugendliche mit einem Typ-2-Diabetes als mit einem Typ-1-Diabetes. Etwas mehr als 6 % aller deutschen Kinder und Jugendlichen sind adipös.


6) Vor allem Typ-1-Diabetiker haben bei der Gewichtsreduktion ihre Probleme.

Fasten kann zu einer Ketoazidose führen, während Sport das Risiko einer Unterzuckerung hervorruft und in der akuten Behandlung zur Aufnahme äußerst kurzkettiger Kohlenhydrate führt. Diese gelten allgemein als Diätkiller. Welchen Hinweis würden Sie den Typ-1-Diabetiker/innen geben?

Das ist immer eine klinische Individualentscheidung, die mit dem behandelnden Diabetologen gemeinsam getroffen werden muss. Das Gros der Typ-1-Diabetiker/innen ist jedoch nicht adipös.


7) Seit einiger Zeit wurde die Kennzeichnung von "Diabetiker-Lebensmittel"
in Deutschland abgeschafft. Was halten Sie von diesem Schritt?

Dieser Schritt war überfällig. Die Idee, dass Diabetiker von speziellen zuckerreduzierten Lebensmitteln profitieren könnten, ist zwar vordergründig plausibel, aber falsch. Es gab keine Studien, die die Effektivität solcher Produkte untermauern konnten. Häufig enthielten diese Lebensmittel sogar mehr Fett und mehr Kalorien als entsprechende Normalprodukte. Für das Körpergewicht und die damit verbundene Insulinresistenz ist das besonders ungünstig. Es gibt auch keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Zucker im Essen und Diabetes. Nach den aktuellen Leitlinien dürfen Diabetiker daher auch Zucker essen.


8) Stattdessen plädieren die DDG und der IDF für die einheitliche Kennzeichnung von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen. Leider ist dies ebenfalls noch nicht geschehen. Denken Sie, dass die Menschen mit der verbesserten Etikettierung bewusster und vor allem gesünder einkaufen?

Für die Allgemeinbevölkerung gilt, dass die Lebensmittelkennzeichnung das Essverhalten nur wenig beeinflusst, da Essverhalten in erster Linie nicht durch Informationen gesteuert wird. Etwas anders dürfte das bei bereits kranken Menschen sein, die sich mit Hilfe einer guten Nährwertinformation und Produktdeklaration die zu ihrer Erkrankung passenden Lebensmittel besser aus dem riesigen Sortiment auswählen können.


9) Abschließend erlauben Sie uns noch die Frage, ob Sie die Angebote des Diabetes-Zentrale e.V. im Allgemeinen und des DiabetesIndex Teams im Speziellen vor dem Interview schon kannten?

Nein.


23. März 2011


PD Dr. med. Thomas Ellrott
Institutsleiter


Institut für Ernährungspsychologie
an der Georg-August-Universität Göttingen
Universitätsmedizin
Humboldtallee 32
37073 Göttingen