Skip to main content

Interview mit Prof. Dr. med. Bernd Schultes

Erstellt in

Wir freuen uns sehr, dass wir Prof. Dr. med. Bernd Schultes für ein Interview über die Erforschung der Wahrnehmung von Unterzuckerungen gewinnen konnten.

Sie beschäftigen sich schon recht lange mit dem Thema der Wahrnehmung und Risiken von Hypoglykämien (Unterzuckerungen) bei Diabetikern. Wie kamen Sie zu diesem Gebiet der Diabetologie und welche Fragestellung interessierte Sie zuletzt?

Zum Gebiet der Hypoglykämie-Forschung kam ich nach Abschluss meines Medizinstudiums und Eintritt in das ärztliche Berufsleben. Damals nahm ich eine Stelle an der Uni-Klinik Lübeck an und arbeitete in der Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Achim Peters, welcher gerade ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zum Einfluss von blutdrucksenkenden Medikamenten auf die Hypoglykämie-Gegenregulation und -Wahrnehmung durchführte. Meine Aufgabe war es, dieses Projekt ärztlich und wissenschaftlich zu betreuen. Zunehmend erkannte ich neben der interessanten wissenschaftlichen Fragestellung auch die klinische Relevanz des Problems von Unterzuckerungen bei Menschen mit Diabetes.
Die Fragestellungen, welche mich zuletzt sehr beschäftigten, beziehen sich vor allem auf die Reaktionen auf nächtliche Hypoglykämien, d.h. insbesondere Unterzuckerungen, die während des Schlafs auftreten. In diesem Bereich ist das Wissen noch sehr rudimentär, obgleich nächtliche sehr oft auftreten, meist jedoch unbemerkt bleiben. Ein weiterer Aspekt der mich in den letzten Jahren sehr beschäftigte, war die Hypoglykämie-Gegenregulation bzw. -Wahrnehmung bei älteren Menschen mit Diabetes. Auch dies ist ein sehr relevantes Thema, wenn man bedenkt, dass es immer mehr älteren Menschen mit Diabetes gibt. Wie soll man diese behandeln? Gleich wie die jüngeren Patienten? Eher nein, da ältere Diabetiker ihre Unterzuckerungen oft nicht bemerken, was potentiell sehr gefährlich ist.

Die Schulung der Diabetiker im Umgang mit Unterzuckerungen stellt noch heute eine große Herausforderung in der Praxis dar. Wo befinden sich nach Ihrer Meinung die größten Schwachstellen, bzw. der größte Nachholebedarf?

Zwischenzeitlich wurden sehr gute Schulungskonzepte bezüglich der Prävention von Hypoglykämien entwickelt und entsprechende Programme hinsichtlich ihrer Effektivität wissenschaftlich evaluiert. Problematisch ist bislang sicherlich die unzureichende Verbreitung derartiger Schulungsprogramme sowie auch zum Teil deren Finanzierung. Man muss jedoch auch festhalten, dass selbst bei optimaler Schulung unter einer Insulintherapie oder einer Therapie mit Sulfonylharnstoffen immer die Gefahr von Unterzuckerungen besteht. Für den Typ 2 Diabetes gibt es mittlerweile erfreulicherweise neue Medikament, welche diesbezüglich weit weniger gefährlich sind.

Erlauben Sie uns eine Detailfrage, die wir bis dato nicht beantworten konnten: Viele Besucher von Diabetes-Index berichten davon, dass sie Unterzuckerungen am Tage weniger gut realisieren, wenn Sie durch einfache Tätigkeiten, wie eine Unterhaltung abgelenkt werden. Dabei können durchaus - zumindest laut den Erzählungen - Blutzuckertiefstände von 1,5 bis 2 mmol/L (27 mg/dL - 36 mg/dL) erreicht werden. Wie erklären Sie sich dies?

Zu dieser Frage gibt es eine ganze Reihe wissenschaftlicher Arbeiten. In der Tat ist es so, dass man durch Ablenkung, z.B. während eines Gesprächs, Unterzuckerungssymptome weniger wahrnimmt. Dies liegt daran, dass man die Aufmerksamkeit auf etwas fokussiert und dadurch körperliche Symptome weniger wahrnimmt. In psychologisch-experimentellen Untersuchungen konnte dies sehr gut nachgewiesen werden. Somit decken sich hier die wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr schön mit den Beobachtungen von betroffenen Diabetes-Patienten.

Bezüglich Ihres Nachweises der unbemerkten nächtlichen Unterzuckerungen drängt sich die Frage auf, was genau im Körper passiert und in welchen zeitlichen Maßstäben man sich die Gegenregulation des Körpers vorstellen kann.

Bei unseren experimentellen Untersuchungen zu nächtlichen Unterzuckerungen fanden wir heraus, dass Patienten mit Typ 1 Diabetes während des Schlafs oft gar keine gegenregulatorische Reaktionen aufweisen. Dies erhöht die Gefahr von langdauernden Unterzuckerungen, welche zum Teil über vielen Stunden bestehen bleiben. Problematisch ist hier vor allem auch die oftmals ausbleibende Aufwachreaktion. Ohne Aufwachen ist die Einnahme von Kohlenhydraten zur Behebung des Unterzuckerungszustands schlicht nicht möglich.

Fanden die unentdeckten Unterzuckerungen eher zum Beginn oder zum Ende der Schlafphase statt? Gab es einen signifikanten Unterschied bei der Wahrnehmung (d.h. des Aufwachens) zwischen den REM-Phasen und den verschiedenen Tiefschlafphasen?

In unserem experimentellen Untersuchungen bei Patienten mit Typ 1 Diabetes mellitus haben wir die Reaktionen auf Unterzuckerungen zu Beginn des nächtlichen Schlafes untersucht. Das bedeutet, dass die Unterzuckerungen vornehmlich während des Tiefschlafs induziert wurden. Bei gesunden Personen haben wir zusätzlich auch die Reaktion auf Hypoglykämien in der zweiten Hälfte des nächtlichen Schlafes untersucht. Die zweite Hälfte des Nachtschlafs ist geprägt vom vermehrten Auftreten von REM-Schlafphasen. Wir konnten beobachten, dass während REM-Schlafphasen die Probanden nicht aufwachten, jedoch in den dazwischen liegenden leichteren Schlafphasen immer aufwachten. Man wacht also eher in der zweiten als in der ersten Hälfte des nächtlichen Schlafs auf. Bezüglich der hormonellen Reaktionen fanden wir genau das Gegenteil. Hier wär die hormonelle Gegenregulation in der zweiten Hälfte des nächtlichen Schlafs deutlich schwächer ausgeprägt als in der ersten Hälfte. Ob sich diese bei gesunden Personen erhobenen Befunde auf Patienten mit Diabetes übertragen lassen ist bislang unklar.

Welche Folgen haben die Unterzuckerungen (im Vergleich zu den wahrgenommenen Hypoglykämien)? Welche Erkennungsmuster lassen sich davon ableiten? Wachen die Diabetiker mit sehr hohen Werten auf, obwohl sie mit normalen Werten schlafen gingen?

Obgleich nächtlichen Unterzuckerung oft unbemerkt bleiben bzw. verschlafen werden, bergen sie doch erhebliche Gefahren. So können Sie beispielsweise zu Herzrhythmusstörungen auftreten, die bis zum Tod führen können. In weniger dramatischen Fällen führen nächtliche Hypoglykämien zumindest dazu, dass die Gedächtnisleistung sowie auch die Stimmung am nächsten Morgen schlechter sind. Letztlich begünstigen nächtliche Hypoglykämien die Entstehung einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung, d.h. dass man tagsüber auftretende Unterzuckerungen nicht mehr bemerkt, was wiederum das Risiko des Auftretens von schweren Unterzuckerungen mit Bewusstseinsverlust oder gar Krampfanfällen erhöht.
Das Phänomen, dass nach einer nächtlichen Hypoglykämie am nächsten Morgen sehr hohen Blutzuckerwerte vorliegen, wurde vor sehr langer Zeit von dem ungarnisch-amerikanischen Forscher Dr. Somogyi beschrieben. Einschränken muss man diesbezüglich jedoch sagen, dass dieses Konzept in wissenschaftlichen Untersuchungen sich nie wirklich bestätigt hat. Möglicherweise spielt hierbei die fehlende Gegenregulation auf nächtliche Hypoglykämien, so wie wir sie bei Patienten mit Typ 1 Diabetes fanden, eine Rolle.

Ein anderes Thema: Sie wurden mit dem Somogyi-Preis für die Forschungen in diesem Bereich ausgezeichnet. Wenn Sie diesen mit einem jedem Leser bekannten öffentlichen Preis, ähnlich dem Echo-Award oder dem Oskar vergleichen würden. Welchen Stellenwert nimmt die Auszeichnung für Sie als Arzt ein?


Der Somogyi-Preis ist ein international ausgeschriebener Preis, welcher von der Ungarischen Diabetes Gesellschaft verliehen wird. In der medizinischen Fachwelt hat er leider nicht ganz den Bekanntheitsgrad und Stellenwert wie die Ihrerseits erwähnten Preise. Dennoch ist es für einen Wissenschaftler wie mich eine grosse Ehre, einen derartigen Preis zu erhalten. Insbesondere freue ich mich darüber, dass unsere wissenschaftliche Arbeit international wahrgenommen und offensichtlich auch geschätzt wird. Dies motiviert dazu, die wissenschaftliche Arbeit, welche finanziell ja kaum honoriert wird und neben der ärztlichen Alltagsarbeit einen erheblichen zeitlichen Zusatzaufwand erfordert, weiterzumachen.

Was halten Sie von den sogenannten Close-Loop-Systemen, die mit Hilfe einer kontinuierlichen Blutzuckermessung in (ferner) Zukunft, Unterzuckerungen erkennen und dem Diabetiker helfen sollen, darauf zu reagieren?


Insgesamt denke ich, dass Closed-Loop-Systeme sinnvoll sein könnten. Hier ist jedoch die weitere technologische Entwicklung abzuwarten. Immer noch gibt es Probleme mit der Präzision der Messungen der Glucosekonzentration aus dem unteren Fetthautgewebe. Auch müssen die Algorithmen zur computergesteuerten Insulininfusion wahrscheinlich individuell angepasst werden, um wirklich optimal zu funktionieren. Ich bin jedoch optimistisch, dass die weitere Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet erfolgreich sein wird.

Die bisherigen Ergebnisse sind sicher nur ein Schritt ihrer Forschungsvorhaben. Welche Fragen möchten Sie in Zukunft noch beantworten können?


Sicher geht unsere Forschung auf dem Gebiet der Hypoglykämie weiter. Im Moment beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, welchen Einfluss der Schlaf auf die Entwicklung einer Hypoglykämie-Gegenregulations- bzw. Wahrnehmungsstörung hat. Konkret möchten wir wissen, ob Schlafentzug nach einer erlittenen Hypoglykämie verhindern kann, dass es zu einer Abschwächung der Gegenregulation und Wahrnehmung kommt. Insgesamt geht es darum, das Phänomen der Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung besser zu verstehen, damit man es zukünftig noch gezielter therapeutisch angehen kann.

Kannten Sie vor unserem ersten Gespräch die Angebote der Diabetes-Zentrale e.V., zu der auch die Seite Diabetes-Index.de zählt?


Ich muss zugeben, dass ich die Angebote der Diabetes-Zentrale e.V. bislang nicht wirklich kannte. Sicherlich bin ich im Internet mal auf die entsprechenden Seiten „gesurft“, jedoch ist es bei der heutigen Informationsflut schwer, alle sinnvollen und hilfreichen Informationsquellen im Kopf zu behalten.

Vielen Dank für das sehr detaillierte und aufschlussreiche Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg weiterhin und würden uns freuen, zukünftig wieder mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.