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Interview mit Mike - 37 Jahre Diabetes

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1) Wie lange sind Sie schon Diabetiker? Wie kam es damals zu der Diagnose?

Ich bin seit meinem 11. Lebensmonat Diabetiker. Im April 1970 wurde ich wegen schlagartigem Gewichtsverlust (quasi über Nacht) ins Krankenhaus eingeliefert. Auslöser war eine Überdosis Volon, einem kortisonhaltigen Medikament, das von der Hausärztin gegen Asthma gegeben wurde.

Interview mit Mike

2) Mit 37 Jahren Diabetes kann man sich schon zu den Langzeitprofis zählen. Während früher die Therapie noch von einer eisernen Disziplin begleitet werden musste, können heutige Typ-1-Diabetiker relativ "frei" leben.
Einige Ärzte, die genauso lange mit Diabetes zu tun haben meinen, dass die technischen Verbesserungen im Endeffekt nicht wirklich eine medizinische Verbesserung gebracht haben, nach dem Motto: Was früher die Disziplin rausgeholt hat, kann heute die Technik (Pumpentechnologie, Insuline, BZ-Messung).
Was denken Sie darüber?

Dem kann ich nicht zustimmen. Eiserne Disziplin ist nach wie vor das A und O einer erfolgreichen Therapie. Die Mittel, wie Insulinpumpen und kleine portable Blutzuckermessgeräte, bieten viele Vorteile. Nur die regelmässige Selbstkontrolle und den Diabetologen können auch sie nicht ersetzen.

3) Sie verreisen sehr gerne?!? Haben Sie schon mal Probleme mit dem Zoll bekommen? Staaten wie die USA sind ja bekannt dafür.

Ich verreise viel und oft. Hauptsächlich nach Nordamerika, oft mehrmals pro Jahr, aber auch mit dem Motorrad durch Europa. Ich hatte bisher nie Probleme mit dem Zoll oder der FDA (Food and Drug Administration, der US Gesundheitsbehörde). Diabetes ist in den USA sehr verbreitet und man stößt auf breiter Front auf Verständnis. Ich bin im Juli 2007 erst von einem 3-wöchigen USA Aufenthalt zurückgekehrt, auch die aktuellen Sicherheitsbestimmungen (Flüssigkeiten im Handgepäck) haben nichts geändert, die Mitnahme von Insulin, BZ Messgerät, Zubehör und sogar gelförmigem Traubenzucker war problemlos. Pumpenträger müssen das Gerät bei der Sicherheitskontrolle lediglich vorzeigen. Die Pumpe muss nicht abgenommen werden !

4) Sie waren damals bei der Armee. Weil die Bundeswehr sie nicht lassen wollte, gingen sie zur US Army. Wie kam es dazu? Haben die nicht nachgefragt, ob Sie chronisch krank waren?

Ich bin halb-Amerikaner und aus einer Familie in der jede Generation beim Militär gedient hat. So wollte auch ich gerne zur Armee. Ich bekam meinen Musterungsbescheid der deutschen Bundeswehr, wurde dann vom Stabsarzt mit der Tauglichkeitsstufe 5 (Wehrdienst untauglich) ausgemustert. Damit wollte ich mich nicht zufriedengeben und habe 1987 bei einem USA Besuch mit einem Rekrutierer der US Armee gesprochen. Nach einer Untersuchung durch einen Militärarzt der Army wurde ich als tauglich für leichten Dienst eingestuft und angenommen. Diese Untersuchungen sind sehr individuell und eine sehr gute Einstellung des DM ist Voraussetzung.

5) Gab es noch andere Typ-1-Diabetiker bei Ihnen (Stützpunkt/Einheit...)?

Nicht in meiner Einheit, aber es gab und gibt einige Typ 1 Diabetiker in der US Army. Ein Unteroffizier der 1. Infantriedivision hat sogar über den medizinischen Rat der Army in Washington erreicht im Irak im Kampfgebiet eingesetzt zu werden. (http://www.diabetes.org/backfromiraq.jsp)

7) Gab es Versorgungsunterschiede zwischen dem zivilen und militärischen Leben?

Nein. Die mehrfache tägliche Selbstkontrolle war Voraussetzung, eben so wie die Vorstellung beim Oberstabsarzt alle 3 Monate (mit Überprüfung des HBA1c Wertes). Alle Kosten wurden hierbei von der US Army getragen.

8) Mussten Sie in außenpolitischen Einsätze? Oder fiel dann die Krankheit auf?

Das war damals aufgrund der Therapieform nicht möglich (Behandlung mit Depot-Insulin). Heute wäre es möglich, wie das Beispiel von Staff Sergeant Mark Thompson zeigt.

9) Was machten Sie nach ihrer militärischen Laufbahn?

Ich war überwiegend in Deutschland eingesetzt, als Militärpolizist wegen meiner Zweisprachigkeit. Als die Truppenreduzierungen der US Streitkräfte in Deutschland begannen trat ich aus der Army aus da ich zu diesem Zeitpunkt bereits meine jetzige Frau kennengelernt hatte und unbedingt in Deutschland bleiben wollte. Ich bin jetzt in einem Unternehmen in der Elektronikbranche tätig und mache überwiegend den internationalen Einkauf und Vertrieb der Produkte. Ein Großteil der Hersteller und Lieferanten ist in den USA, was für mich ideal ist. Nebenbei bin ich noch als beeidigter Dolmetscher für die Polizei tätig, diese Verbindung hatte ich noch aus meiner aktiven Militärzeit als ich die Zusammenarbeit der deutschen Polizei und der amerikanischen MP koordiniert habe.

10) Wenn Sie heute nochmal in der Situation gewesen wären, zu entscheiden, ob Sie zur US Army gegangen wären, was würden Sie wählen?

Eine sehr zwiespältige Sache... Ich vermisse die Zeit bei der Army sehr, die Kameraden, die Art wie mein Diabetes gehandhabt und akzeptiert wurde. Lediglich aufgrund der aktuellen Außenpolitik der USA würde ich nicht mehr unterschreiben.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir haben Mike auf der Seite diabetesinfo.de kennengelernt. Vor allem sein Werdegang in der US Army ist sehr interessant und aufschlussreich. ;)