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Interview mit Alice Eymard-Duvernay

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Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten.

DiabetesIndex: Frau Eymard-Duvernay, Sie arbeiten bei dem WWF Schweiz auch an internationalen Projekten, wie zuletzt am Amazonas mit. Was machen Sie dort genau?

ImageEymard-Duvernay: Mein Hauptarbeitsort ist Zürich, in der Schweiz. Hier bin ich für unsere internationalen Projekte in Lateinamerika und Osteuropa zuständig. Das bedeutet, dass ich das Verbindungsglied zwischen dem WWF Schweiz und den Projekten und Kollegen vor Ort bin. Wenn ich eine Reise an den Amazonas oder in andere Projektgebiete unternehme, geht es darum, die Projektfortschritte zu evaluieren, zukünftige Maßnahmen zu planen und Probleme zu besprechen. In erster Linie bin ich aber dort um zu lernen! Denn die eigentlichen Experten für die Projekte sitzen nicht in Europa, sondern eben am Amazonas. Ich brauche das Wissen, die Eindrücke, Bilder und Kontakte, um hier in der Schweiz über die Projekte berichten zu können und so weitere finanzielle Unterstützung für die Projekte sicherzustellen.

DiabetesIndex: Konnten Sie neben der naturwissenschaftlichen Arbeit auch Einblick in die Diabetes Versorgung vor Ort, z.B. bei den Indigenengemeinschaften am Amazonas, gewinnen?

Eymard-Duvernay: Das Thema Diabetes steht bei meiner Arbeit im Hintergrund. Natürlich kann ich es nicht „ablegen“; ich gehe mit meiner Krankheit auch offen, aber nicht offensiv, um. Das bedeutet, dass ich während dieser Aufenthalte eher selten mit anderen Diabetikern und der Thematik in Berührung komme. Als ich im April in einen abgelegenen Teil des peruanischen Amazonasgebietes gereist bin, habe ich mein Reserveinsulin in einer Krankenstation zwischengelagert. Da habe ich gesehen, wie einfach bzw. mangelhaft die medizinische Versorgung der abgelegen lebenden Bevölkerung insgesamt ist. Ein Diabetiker hat da meiner Einschätzung nach leider schlechte Karten! Abgesehen von dem Problem der Insulinlagerung haben die Menschen dort keine ausreichenden finanziellen Mittel, um sich eine Insulintherapie leisten zu können. Krankenversicherungen gibt es nicht. Der Staat sorgt mittlerweile für die wichtigsten Schutzimpfungen für Kinder, für bessere Betreuung bei Entbindungen und bekämpft häufige Tropenkrankheiten wie Malaria und Dengue. In den Städten sieht die Situation besser aus, aber auch hier ist leider häufig die Kaufkraft entscheidend, wie gut jemand medizinisch versorgt wird.

DiabetesIndex: Wie kamen Sie selber mit den veränderten Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsunterschiede klar?

Eymard-Duvernay: Ich reise schon seit 12 Jahren immer wieder in die Tropen und habe wenig Probleme mit der Umstellung auf das tropische Klima. Da ich in der Schweiz eher ein „Gfrörli“ bin, genieße ich die Zeiten ohne Gänsehaut!

DiabetesIndex: Gab es andere Komplikationen, bspw. mit dem Equipment oder dem Zoll?

Eymard-Duvernay: Natürlich ist das Reisen mit Diabetes immer wieder eine Herausforderung. Bei Flugreisen habe ich nicht wie vielleicht zu erwarten wäre, in den USA am meisten Probleme gehabt, sondern in Paris! So haben die Sicherheitsbeamten mich erst zur Abflughalle gehen lassen, nachdem ein Vertreter der Fluggesellschaft schriftlich bestätigt hat, dass ich mit meiner Ausrüstung das Flugzeug betreten darf. Bei dem ganzen Hin und Her hätte ich beinahe den Flieger verpasst! In Kolumbien werden Reisende und ihr Gepäck schon mal von Drogenhunden beschnüffelt. Insulin war dort nie ein Problem. Besonders viel Phantasie brauche ich, um mein Reserveinsulin ständig auf Kühlschranktemperatur zu halten. Ich reise mittlerweile immer mit meinem „Insulinkühlschrank“: eine Thermoskanne mit Eiswasser! Besonders in den Tropen trinken die Menschen ihre Getränke gern gekühlt, Eiswürfel sind daher überall verfügbar, wo es Strom gibt. An einer Bar um ein paar Eiswürfel zu bitten, ist außerdem wesentlich einfacher als immer wieder einen Kühlschrank zu finden, zu erklären, was ich dort lagern möchte und warum, dass das Insulin kühl, aber nicht unter Null Grad zu lagern ist, sicherzustellen, dass ich wieder an den Kühlschrank drankomme, dass mein Päckchen nicht versehentlich entsorgt wird etc. Richtig schwierig wird es, wenn ich mehrere Tage an Orten unterwegs bin, an denen es keinen Strom gibt. Da habe ich schon mal einen Eisblock in einer Kühltasche eine Woche lang über den Amazonas geschippert und jeden Tag ein paar Bröckchen abgehackt, um meinen Insulinkühlschrank nachzufüllen!

DiabetesIndex: Sie erzählten, dass Sie besondere Wege gefunden haben, ihr Insulin dauerhaft kühl zu halten. Wie machen es Diabetiker vor Ort? Wissen Sie das?

Eymard-Duvernay: An den meisten Orten gibt es ja auch in Südamerika Kühlmöglichkeiten. In entlegenen Gebieten gibt es manchmal nur in Krankenstationen einen Kühlschrank, der mit einer eigenen Stromquelle (Dieselgenerator, selten Solaranlage) betrieben wird. Leider konnte ich noch nie den Alltag mit einem Diabetiker vor Ort teilen, so dass ich leider nichts Konkreteres weiß.

DiabetesIndex: Wie reagierte ihr Team auf ihren Diabetes? Verständnisvoll oder gab es auch stressige Situationen?

ImageEymard-Duvernay: Ich bekomme eigentlich fast durchweg verständnisvolle Reaktionen. Da ich wie gesagt sehr offen mit der Krankheit umgehe, bekomme ich nicht selten auch eingehendere Fragen, die ich gern beantworte. Einmal hat sich ein Projektpartner besonders um meine Gesundheit gesorgt und sich auf einer Bootsreise jede Stunde nach meinem Zucker erkundigt; irgendwann wurde das unser „running gag“ ;-)

DiabetesIndex: Soll der nächste Einsatz außerhalb Europas wieder in die Tropen?

Eymard-Duvernay: Die nächste Reise nach Südamerika kommt bestimmt! Sie ist aber noch nicht geplant.

DiabetesIndex: Haben Sie sich für den Trip speziell schulen lassen / vorbereitet aufgrund ihres Diabetes? Wenn ja wo?

Eymard-Duvernay: Vor der ersten Tropenreise mit Diabetes hatte ich natürlich schon einige Fragen. Ich habe mit meiner Ärztin darüber gesprochen und alle verfügbaren Informationen genutzt (Broschüren, Diabetes-Buch, Internetforen). Um Problemen bei der Einreise vorzubeugen, habe ich ein ärztliches Zeugnis bekommen, auf dem alle Dinge drauf stehen, die ich notwendigerweise mit mir führen muss – neben den üblichen Sachen steht dort auch explizit das „Kühlsystem für Insulin“ (mein Insulinkühlschrank!) drauf, das am Zoll die meisten Probleme bereitet, seit keine Flüssigkeiten mehr im Flugzeug erlaubt sind. Auch gibt es einen internationalen Diabetiker-Ausweis, der die wichtigsten Informationen rund um einen Notfall in 20 Sprachen enthält. Am Wichtigsten scheint mir aber, dass man sich zuversichtlich auch in unbekannte Situationen begibt und dabei seinen Körper und andere Reaktionen aufmerksam beobachtet und entsprechend reagiert. Es gibt fast nichts, was ein Diabetiker nicht machen kann!

DiabetesIndex: Wussten Sie vorher, was Zucker oder Diabetes beispielsweise in der Sprache der Guarayo heißt, bevor Sie dort ankamen, oder hatten Sie einen Dolmetscher für Notfälle oder war dies nicht notwendig?

Eymard-Duvernay: Ich spreche sehr gut spanisch und kann auch über medizinische Themen problemlos kommunizieren. In entlegenen Gegenden, in denen kein Spanisch gesprochen wird, bin ich nie allein unterwegs. Meine WWF-Kollegen wissen von meinem Diabetes und würden das in einem Notfall auch einem Arzt erklären. Ich muss also nicht jede lokale Sprache lernen. Sie bringen mich aber auf eine interessante Idee: bei meinem nächsten Besuch werde ich mal fragen, ob die Guarayo ein Wort für Diabetes kennen!

DiabetesIndex: Kannten Sie unsere Portale DiabetesIndex.de / Diabetes-Teens.net / DiabetesSoftware.de schon vorher?

Eymard-Duvernay: Nein, kannte ich noch nicht. Ich werde mich jetzt ab und zu mal einklinken.

Vielen vielen Dank für das außergewöhnliche Interview. Wir würden uns freuen, mal wieder etwas von Ihnen zu hören, bzw. zu lesen.
Ihr DiabetesIndex Team

WWF Schweiz - WWF Deutschland