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Die politische Wende in der Diabetologie

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Wie erlebten die Diabetiker/innen und Diabetologen die politische Wende 1989/90?

Diese Frage ist durchaus berechtigt, da zum einen die DDR zwar bezüglich der sinnvollen Massenproduktion beispielsweise von Insulin Westeuropa weit hinterher stand, aber auf der anderen Seite wissenschaftliche Meisterleistungen vollbrachte und vor allem ein ganz anderes Betreuungssystem aufgebaut hatte. Daher erinnern sich viele Diabetiker an 1990 auch mit einem weinenden Auge, war es doch durch die eigenen Diabetesinstitute, wie beispielsweise Karlsburg bei Greifswald und den vielen autarken Beratungsstellen zwangsläufig dazu gekommen, dass die nun zu konsultierenden Allgemeinärzte wenig diabetologisches Wissen hatten. So führte die Auflösung erstgenannter Beratungsstellen vielerorts zu Problemen, beispielsweise bei der Informationsbeschaffung, ein "Supergau" blieb jedoch aus. Dies zeigen auch die Statistiken: Die allgemeine Blutzucker-Einstellungen von 1988 waren deutlich besser als die von 1991, was eventuell auch an den veränderten Ernährungsgewohnheiten gelegen haben mag.

Selbstverständlich gab es auch diabetische Vorteile: Endlich kamen dünnere und stabilere Kanülen auf dem Markt, moderne Pens lösten das tschechoslowakische Modell MADI und den DDR-Pen Injecta MD-2 ab und vor allem gab es genügend Blutzuckermessstreifen, ein logistisches Problem, dem die DDR bis zum Ende nicht mehr Herr wurde. Die schon erwähnten Beratungsstätten waren interessanter Weise der Ausgangspunkt der Diabetes-Schwerpunktpraxen, die in den 90er Jahren als "Lernen von dem Ostsystem" eingerichtet wurden.

Die Ärzte waren vor der Wende in der Sektion Diabetes der "Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten" organisiert. Diese Gesellschaft veranstaltete auch 1987 unter Leitung von Dr. D. Michaelis im Auftrag der Europäischen Diabetesgesellschaft den Jahreskongress in Leipzig. Eine der wenigen Möglichkeiten vor der Wende, dass sich ost- und westdeutsche Diabetologen ungestört unterhalten konnten. Jene Sektion wurde 1990 in eine "Gesellschaft für Diabetes" umgewandelt, die 1991 in Form von Listenbeitritten in die DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft) überging. Zuletzt wurde noch die Spezialisierung "Diabetologie" in Anlehnung an die ostdeutsche Subspezialisierung eingeführt. Somit ist abschließend zu sagen, dass die Diabetologie eine der wenigen Gebiete war, in der die Einheit wirklich durch beidseitiges Lernen funktioniert hatte.

Quelle: 

Zucker 3/2003, S.26-27