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Offroad als Diabetiker - Reise durch Marokko

Es ist September 2001. Mein 9-tägiger Fußmarsch über den mittleren Atlas in Marokko kann beginnen. Die Strecke ist weitab vom öffentlichen Verkehrsnetz und der Möglichkeit im Bedarfsfall rasch Hilfe zu erhalten. Telefon gibt es nicht und auch mit dem Handy bekommt man keine Netzverbindung. Alles, was ich tagsüber brauche, muss ich selbst tragen. Wenn ich da an absolute Sicherheit denke, bräuchte ich plötzlich viel mehr, als ich schleppen kann. Wenn man zu viel Gepäck hat, begibt man sich in eine neue Gefahr, die Belastung wird zu groß. Also überlege ich mir Strategien, um die verschiedenen Risiken abzuschätzen und zu gewichten. Risiko-Management könnte man sagen. Es zeigt sich schnell, daß man sich eben nicht auf alles vorbereiten kann aber es oft gerade die kleinen Dinge sind, die von hohem Nutzen sind.

Ich mache die Reise nicht alleine, sie wurde (diesmal) sogar von anderen organisiert. Um die Orientierung und das Essen brauchen wir uns nicht kümmern. Wir sind vier Deutsche und vier Berber mit ihren Mulis. Den ersten Tag unserer Reise fahren wir in Richtung Osten auf das große Gebirge zu. Unterwegs Mittagspause mit Tagine, der typisch marokkanischen Art die Speisen in einem „Römertopf“ zuzubereiten. Der Deckel sieht aus wie das spitze Dach einer Pagode. Dazu gibt es spezielle Gewürzmischungen wie bei Curry. Auf Grund meiner vielen Reisen brauche ich mir kaum Gedanken machen, ob ich auch alles vertrage. Aber die wichtigste Regel beachte ich konsequent: Niemals unmittelbar vor und zum Essen trinken! Man verdünnt sonst die Magensäure und läuft Gefahr, dass mögliche Keime in der Speise nicht mehr ausreichend zerstört werden. Nur wenn alles gründlich erhitzt wurde, kann man getrost eine Ausnahme machen.

Unser Ziel am ersten Tag ist Imilchil. Von Nordwesten her über El-Ksiba ist dieser Ort nur mit einem guten Geländewagen erreichbar. Ca. 20 km. geht es ausschließlich durch eine steile Schlucht, die nur Platz für den Bach und unendlich viele Steine lässt. Imilchil ist bekannt für seinen Heiratsmarkt.Marokko Nein, bleib’ ruhig sitzen, man kann da keine Frau kaufen, Allah sei dank! Jedes Jahr im September, treffen sich dort die heiratswilligen BerberInnen als Alternative zur immer noch praktizierten Zwangsehe und können unbürokratisch vor dem angereisten Standesbeamten ihr Jawort geben. Übrigens werden manchmal auch die Söhne von ihren Müttern zwangsverheiratet (ausgleichende Gerechtigkeit). Dieses Spektakel haben wir leider um eine Woche verpasst, da der Termin kurzfristig vorverlegt wurde.

Am nächsten Morgen beginnt unsere Wanderung. Es ist nur eine kurze Eingehtour von ca. 25 km bis zum See Iseli. Mein Seesack (wie lustig das klingt in der Steinwüste) wird von den getrennt marschierenden Tieren geduldig getragen. So kann ich mein Tagesgepäck jedesmal neu zusammenstellen und habe die Haupt-Reserven am Abend. Ich hatte zu wenig getrunken und ich merke das am Halskratzen und leichten Kreislaufproblemen. Ich war unterwegs zu faul gewesen, immer wieder anzuhalten um die Wasserflasche herauszukramen. Außerdem genoß ich die fremdländische Landschaft und war abgelenkt. Aber von da ab gehe ich mit dem Schlauch. Eine tolle Erfindung so ein „Camelbag“. Man beißt ein wenig auf das Mundstück am Schlauchende, das mundgerecht aus dem Rucksack ragt, öffnet damit ein Ventil und saugt die Flüssigkeit ein. Im Wasser habe ich Mineralien aufgelöst. Kaum bekommt mein Körper genügend Flüssigkeit geht es mir wieder gut. Wir klettern auf einen Gipfel von fast 3300 m Höhe, bei einer Tagesleistung von knapp 50 km Geröllstrecke.Gipfel von über 3200m Höhe Das nehmen mir meine Füße übel. Bei der Hitze kommen die Fußprobleme erheblich schneller. Die normalen Pflaster helfen nicht, ja sie ringeln sich und verstärken das Problem sogar noch. Ich desinfiziere die offenen Stellen mit dem Spray, welches ich für den Katheter dabei habe und fühle mich als Indianer. Ich lehne entschieden ab, als mir meine Berberfreunde anbieten, auf einem Muli reiten zu dürfen. Verstockt humpele ich weiter, meinen 15 kg schweren Rucksack auf dem Rücken. Renate war es, die mich fragte, ob ich denn nichts von den Pflastern „zweite Haut“ (Compeed) gehört hätte. Nein, kannte ich nicht. Da gab sie mir zwei davon. Als sie mir half, sie aufzutragen schaute sie mich streng an und ihre Augen sagten „dass ihr Männer immer Helden spielen müsst“. Aber danach war ich keiner mehr und ich hatte wieder etwas dazu gelernt.

Schnell stellt sich auf unserer Wanderung heraus, daß die kalkulierte Wassermenge viel zu gering ist. Mein Behälter faßt 4,5 Liter und zwei davon wären besser gewesen. Ich kann mir aber mit den üblichen Wasserflaschen aus Plastik helfen. Angesichts dieser ca. 6 - 8 kg nur für Wasser kann man sich vorstellen, wie schnell ich so manches aus dem Rucksack verbannte. Da relativiert sich das übliche Sicherheitsdenken sehr schnell. Auch für die Insulin-Versorgung nehme ich keine Reserve mit, die vertraue ich den Mulis an. Ich riskiere es, bei deren Ausfall keine Kohlehydrate zu mir nehmen zu dürfen und durch erhöhten sportlichen Einsatz die Situation zu meistern. Doch wie so oft treten die Probleme dort auf, wo man sie nicht vermutet hat.

So fing es auch am Beginn der Reise an. Im Direktflug von München nach Casablanca meldete die Pumpe das Ende der Ampulle an. Es war erst die Vorwarnung und die Reserve sollte ausreichen. Sie tat es aber nicht. Leider ist bei der D-Tron Insulinpumpe das Ampullenende NICHT kalkulierbar wie bei dem früheren Model (H-Tron) und so kletterte der Zuckerspiegel auf cirka 300 mg/dl. Für den Flug musste ich das Gepäck nach anderen Gesichtpunkten packen: Wertgegenstände, Dokumente und schwerere Teile nahm ich alle ins Handgepäck. So konnte ich erst auf der Wiese vor dem Flughafengelände den Katheterwechsel vornehmen. Auf Französisch wurde ich gefragt, ob ich Chemiker sei. Ich bin für Offenheit und erklärte dem Fragesteller die Funktion und Wirkung der Pumpe. Die Augen des Marokkaners verrieten mir, was er wohl dachte. In einem Land, in dem es viele Probleme gibt, bewundert man eben die Möglichkeit, sich selbst helfen zu können.

ImageAuf dem weiteren Weg unserer Wanderung kommen wir durch abgelegene Berber-Ortschaften. Die Kinder eilen uns begeistert entgegen. Sie halten uns bettelnd die Hände entgegen. Aber genau das unterstütze ich nicht. Ich mache ein Spiel daraus. So schaue ich mir sehr interessiert jedes Händchen von allen Seiten an, auch die Rückseite. Im Nu habe ich alle Kinderhände umgedreht – wie soll man da noch betteln können! Als sie meinen Trick durchschauen lachen wir alle gemeinsam. Ich ergreife mir je eine Hand und so marschieren wir händchenhaltend an den verblüfften Erwachsenen vorbei. Ach ja, ich führe nicht etwa nur zwei Kinder an, es sind mindestens ein Dutzend, denn an jeder Hand halte ich eine ganze Kette von ihnen, die sehr darauf bedacht sind, auch einmal meine Hand halten zu dürfen. Viele Kilometer hinter dem Dorf erst werden sie etwas unruhig und ich entlasse sie mit je einem großen Bonbon. Das wiederholt sich bei jedem Dorf und meine Kumpanen geben mir den Spitznamen „Rattenfänger“.

Im vorletzten Dorf wird gefeiert und ich werde dazu eingeladen. Der große Raum füllt sich allmählich voller Neugieriger, dann spielen zwei Jugendliche auf einer kleinen Trommel und so was wie einer selbstgemachten Geige. Am Anfang klingt es jämmerlich, aber wenig später ist es für mich die schönste Musik – sie lebt.Tanz im Freien Die heiratsfähigen Mädchen (ab 15) erheben sich und tanzen hüftschwingend mit erhobenen Armen. Kaum habe ich ein paar Fotos gemacht, da greifen vier zarte Arme zu mir nach unten und ziehen mich energisch hoch. Als ich in die hübschen Kulleraugen schaue, tanze ich freiwillig mit. Es ist auch nicht so schwer, sogar ich als Nichttänzer kann das. Man hält sich an den Händen, macht damit kreisende Bewegungen und geht dabei vor und zurück. Was soll man da schon falsch machen, wenn das Miteinander das Wichtigste ist. Solche Feste ermöglichen es, sich näher kennenzulernen und für Stunden erzwungene Distanzen zu überwinden. Trotzdem fällt mir von Anfang an auf, wie offen und frei die Berberfrauen sind. Unverschleiert, mit offenem und neugierigem Blick begegnen sie mir - angenehm, aber sehr ungewohnt in einem islamischen Land.

Schnell habe ich diese liebenswürdigen Menschen ins Herz geschlossen und bedauere sehr, dass ich nicht bleiben kann. Ich beschließe wiederzukommen und Medikamente mitzunehmen. Es gibt hier so gut wie keine ärztliche Versorgung. Ein paar Alte, die sich auf Kräuter verstehen und gelegentlich einen mobilen Arzt (angeblich), das ist alles. Wir werden ständig nach Schmerztabletten und Augentropfen gefragt. Und die Bedürftigkeit ist nicht zu übersehen. Manches Kleinkind spielt nicht mehr, es kann aus seinen verkrusteten Augen nicht heraussehen. Leidend wird es liebevoll von größeren Kindern auf der Hüfte herumgetragen.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich nicht die Anstrengungen unter denen wir über die Pässe von 3000 m Höhe stiegen, das ständige auf und ab über steilste Hänge, entlang an vielen Metern tiefen Erosionsrillen, die uns zwangen, weglos in die Schlucht abzuklettern. Nein, ich sehe nur diese reizenden Menschen, die fernab unserer Zivilisation in „Notgemeinschaften“ leben und sich dadurch eine unvergleichliche Liebenswürdigkeit erhalten haben. Ich werde sie wiedersehen, versprochen!

Das wäre jetzt ein guter Schluss, aber ich möchte noch beschreiben, wie ich in dieser wilden Landschaft mit der Insulinversorgung zurecht gekommen bin.

Die Uhrzeit in der Pumpe muß unbedingt jeder Zeitverschiebung angepaßt werden, sonst gerät schnell alles durcheinander. Man sollte auch deutlich mehr an Material mitnehmen, wie ausgerechnet. Zum Beispiel ist mir eine Insulinampulle heruntergefallen, weil ich natürlich meine Augen woanders hatte. Katheter machten Probleme und mussten vorzeitig ausgewechselt werden. Einmal verbog sich die Kupplungsnadel beim teilbaren Rapid, das Insulin tropfte seitlich heraus und der Zucker schnellte hoch. Dann stellte ich ein weiteres Manko der neuen Pumpe gegenüber der Alten fest. Ich bin es gewohnt, die Pumpe durch die Kleidung zu bedienen und sie nicht jedesmal herauszerren zu müssen. Klappte bisher immer, nicht so bei der neuen Pumpe. Ich wollte einen Alarm bestätigen ohne ihn anzuschauen, da ich wußte, welcher es war. Ich hatte über 12 Std. nichts gegessen und der Sicherheitsalarm machte sich bemerkbar (Alarmzeit von mir umgestellt). Ich versuchte also verzweifelt, die nicht zu fühlenden Tasten zu bedienen, damit der Alarm aufhörte. Erst viel später bemerkte ich, daß ich eine völlig andere Funktion aktiviert hatte. Das hätte böse ins Auge gehen können. Ein Riesenproblem, wenn so aus Versehen die Funktion Katheterfüllen eingeschaltet wird, die sich erst nach 20 IE wieder selbständig deaktiviert. Selbst wenn man das noch merkt, wie soll man dann für 20 IE essen? Ich musste dies einmal um Mitternacht für 12 IE machen - ich denke nicht gerne daran.

Ansonsten ist die Pumpentherapie sehr stabil und für jeden Einsatz geeignet. Besonders bewährte sich das zweite Programm der neuen Pumpe. Je nach Situation konnte ich zwischen normalem und Sport-Programm umschalten. Genau das war der Grund, warum ich mich für diese neue Pumpe entschieden hatte.

Auf Grund meiner Erfahrungen möchte ich jeden Zuckerkranken (und andere) ermutigen, sich topfit für seine Handicaps zu machen um damit seine Träume realisieren zu können. Hindernisse sind dazu da, überwunden zu werden. Und wenn’s gelingt, macht’s um so mehr Spaß. Damit es aber nicht schief geht, fängt man am besten klein an, lernt und steigert sich.

Und wer mich jetzt schon einen Abenteurer nennt, der weiß nicht, was ich noch alles vorhabe…

Panorama auf 3200m Höhe

Autor: 
© Günter Weeren [Guenter-Weeren{at}gmx.de]