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Erfahrungsbericht Minimed Paradigm

Liebe Lesewesen,

Nach 4,5 glücklichen Jahren mit der 508 habe ich bei der Krankenkasse ihre Nachfolgerin beantragt, und zwar die MiniMed Paradigm 512. Die 508 war einfach nicht mehr "zeitgemäß", und die vielen neuen Features der 512, die die 508 noch nicht bietet, wollte ich gerne nutzen. Lest nun, liebe Pumpis und Nicht-Pumpis, Diabetiker und interessierte Nicht-Diabetiker, wie mir meine 512 gefällt, die ich liebevoll "Salusina Adelgundis von Maubeuge" getauft habe. (Salusina wegen Salus, dem Schutzheiligen der Gesundheit, und Adelgundis von Maubeuge, die eine Schutzheilige für allerlei Wehwehchen war. :O) )

Warum eine Pumpe?

Mit einer Insulinpumpe behandelt man Diabetes Typ 1, früher Jugenddiabetes genannt. (Wer sich dafür näher interessiert, den lade ich herzlich dazu ein meinen Diabetesbericht zu lesen.

Die Pumpentherapie ist die neuste und fortschrittlichste Insulintherapie. Das Insulin wird nicht mehr gespritzt, sondern von einer kleinen Pumpe in den Körper geleitet. Die Pumpe befindet sich dauernd am Körper, über eine Kanüle wird Insulin zugeführt. Das Insulin befindet sich in einer Ampulle oder in einem Reservoir in der Pumpe. Der Katheter besteht aus einer 6 bis 12 mm langen Stahl- oder Teflonnadel und einem Pflaster zum fixieren. Über diesen Zugang wird Insulin in das Unterhautfettgewebe abgegeben.
Das Prinzip: Es gibt eine Basalrate, die den normalen Insulinbedarf abdeckt und mehrere Boli, die für die den Blutzuckeranstieg nach Malzeiten und Korrektur der Blutzuckerwerte zuständig sind. In der Pumpe ist nur eine Insulinart, entweder kurzwirkendes Normal- oder Analoginsulin.
Die Pumpentherapie ist deshalb die beste Insulintherapie, weil sie die Bauchspeicheldrüse eines Nichtdiabetikers nachahmt. Ein Pumpenpatient kann also fast wie ein ganz normaler Mensch leben. Das Insulin kann feiner dosiert werden, die Dosierung besser an den Insulinbedarf angepasst werden - somit ist der Blutzucker stabiler. Durch eine Pumpentherapie wird also wird in den meisten Fällen der HbA1c niedriger und das Risiko für Folgeschäden um ein vielfaches gesenkt.

Optik

Die Paradigm ist meiner Meinung nach eine sehr ansehnliche Pumpe. Sie ist sehr klein (7,6 x 5,1 x 2,0cm) und leicht (100g, so viel wie eine Tafel Ritter Sport) und sieht keineswegs "medizinisch" aus. Leute, die nicht wissen, dass ich Diabetes habe, halten sie für einen Pager oder MP3-Player. :-)
Sie ist in 4 Farben erhältlich: transparent, blau, anthrazit und lila. Alle Farben sind halbtransparent. (siehe Fotos) Ich habe mich übrigens für die lilane entschieden. Obwohl sie lila ist, ist die Farbe sehr dunkel und dezent, trotzdem etwas spannender als die dunkelgraue, und passt zu vielen meiner Sachen. Wem das noch nicht reicht, der kann sich Paradigm Skins auf die Pumpe kleben. Diese sind in jedem Reservoir Pack dabei und es gibt viele verschiedene Versionen. Von Leopardenmuster über Fußballverein-Logos bis zum Blumenmuster ist alles dabei. Auf dem Foto unten seht ihr meine Pumpe mit Rosen-Skin. ;)

MiniMed Paradigm - Funktionen im Überblick

Die MiniMed Paradigm wird von der Firma Medtronic vertrieben. Sie ist seit ca. 2002 auf dem Markt, damals noch als 511. Heute gibt es bereits die 522, die in das sogenannte Real-Time-System mit ständiger Blutzuckerkontrolle über einen Sensor und automatische Insulinkorrektur integriert werden kann. Die Paradigm 712 hat übrigens die selben Funktionen, hat aber ein größeres Reservoir (3 ml). Die 512 hat nur ein 1,8ml-Reservoir. Wer keinen hohen Insulinbedarf hat, und lieber eine kleine Pumpe möchte, trifft mit der 512 die richtige Wahl.
Die Menüführung ist sehr logisch und die Handhabung auch für Kinder oder ältere Personen kein Problem. Die Verarbeitung ist ganz ausgezeichnet, ich habe noch keinerlei Mängel feststellen können, und das Display zerkratzt nicht so leicht wie bei der 508.

Paradigm Link:

Die 512 hat noch keine Real-Time-Funktion, aber eine Paradigm Link-Funktion, d.h. sie kann mit dem dazugehörigen Messgerät, dem Ascensia Contour II, kommunizieren. Je nach Blutzuckerwert wird die Korrektur in den Bolus mit einberechnet. Ich brauche diese Funktion nicht, da ich das Contour II nicht besonders mag. Ich benutze ein anderes Messgerät und gebe meinen Blutzuckerwert manuell ein. Für Contour II-Benutzer aber sicherlich praktisch! :-)

Bolus Expert:

Meiner Meinung nach die beste neue Funktion der Paradigm! Je nach Blutzuckerwert und Menge der Kohlenhydrate, die man essen möchte, berechnet die Pumpe den passenden Bolus. Die Pumpe rechnet also z.B. aus, wie viel man um 18 Uhr für 3 BE bei einem Wert von 7,8 mmol/l bolen muss. Außerdem wird das noch aktive Insulin aus dem letzten Bolus mit einberechnet, so dass es nicht zu Überlagerungen kommt, die in eine Unterzuckerung führen. Die Pumpe macht zunächst erst einen Vorschlag und wenn man anderer Meinung ist, kann man nachkorrigieren. Noch dazu kann man, wenn man den Bolus Expert benutzt hat, ständig beobachten wie viel Insulin noch aktiv wirkt. Ich habe den Bolus Expert ständig in Benutzung da er meiner Meinung nach einfach super praktisch ist! Kein lästiges Kopfrechnen mehr, und sofern die Faktoren zur Berechnung der Bolusmenge wirklich stimmen, hat man nach dem Essen dank des Bolus-Experts auch zuverlässig gute Werte!

Fernbedienung:

Wie bei der 508 auch ist bei der Paradigm eine Fernbedienung dabei. Ich benutze sie nur sehr selten, aber bei langen Kleidern und sonstiger "komplizierter Kleidung" ist es sehr praktisch, die Fernbedienung zu benutzen anstatt die Pumpe hervorzukramen. Die Pumpe macht sich dann per Vibration oder Ton bemerkbar, so dass beim Bolus nichts schief gehen kann. :-) Außerdem funktioniert die Fernbedienung auch zuverlässig nur mit der dazugehörigen Pumpe.

Bolusoptionen:

Es gibt 3 verschiedene Bolusoptionen: Normal-, Dual- und Verzögerungsbolus. Beim Normalbolus wird das ganze Insulin sofort abgegeben, beim Verzögerungsbolus über mehrere Stunden verteilt, und beim Dualbolus teilt sich das Ganze auf. Dual- und Verzögerungsbolus sind nützlich wenn man z.B. sehr fettreich gegessen hat und der Blutzucker nur sehr langsam ansteigt. Ich habe bisher jedoch nur den Normalbolus gebraucht, da mein BZ im allgemeinen sehr schnell nach dem Essen ansteigt, und fettreich esse ich nur selten.
Was übrigens von Pumpenanwendern der Konkurrenz kritisiert wird ist, dass die Paradigm ihren Bolus nur sehr langsam abgibt, nämlich 0,1 IE pro Sekunde. Mir reicht diese Geschwindigkeit voll aus, ich bin von der 508 anderes gewöhnt (0,1 IE pro 4 Sekunden) und mir tut es sogar weh wenn zu viel Insulin in kurzer Zeit gepumpt wird. Daher ist mir das nur recht. Wer allerdings einen hohen Insulinbedarf hat und öfter mal einen Bolus von 20-30 Einheiten hat, muss sich etwas gedulden bis der durchgelaufen ist.

Basalratenoptionen:

Wie bei der 508 schon gibt es 3 Basalratenmuster (z.B. für Alltag, Wochenende, Arbeitstag). Man kann dabei 48 Basalraten eingeben, also für jede halbe Stunde des Tages eine neue Insulinmenge festlegen. Das geht in 0,05 Einheiten-Schritten. Man kann das Insulin also sehr fein dosieren. Das ist gerade für Babys und Kleinkinder sehr praktisch, da für sie 0,1 Einheit pro Stunde manchmal schon zu viel sind. Ich brauche diese feine Dosierung nicht unbedingt, aber für Kinder ist dies absolut sinnvoll. Eine Funktion die ich dagegen ständig benutze ist die Absenkung bzw. Erhöhung der Basalrate. Bei Bewegung, Stress oder Krankheit verhält sich auch der Blutzucker anders und darauf muss man schnell reagieren können, indem man die Basalrate anhebt oder absenkt. Dies geht entweder einheitenweise oder prozentual (ein großer Vorteil gegenüber der MiniMed 508, wo es leider nicht prozentual ging!).

Reminder:

Auch eine ganz tolle neue Funktion, die sehr nützlich ist: Die Erinnerungsfunktion! So kann man sich zu einer bestimmten Uhrzeit z.B. ans Blutzucker kontrollieren erinnern. Besonders für Kinder sicher hilfreich, wenn sie die Uhr noch nicht können oder das Messen öfter mal vergessen. Aber auch für mich. Man kann sich z.B. von der Pumpe wecken lassen. Ich benutze die Erinnerungsfunktion für meine Antibabypille, da ich die Pumpe im Gegensatz zu meinem Handy immer bei mir habe. :O) Wie diskret die Erinnerung sein soll, kann man mit der Lautstärke der Pumpentöne regulieren.

Speicher:

Die Pumpe speichert alle "Ereignisse" der letzten 90 Tage, also wann welcher Bolus bei welchem Wert abgegeben wurde, wann man sie neu befüllt hat, ob es einen Alarm gegeben hat, usw. Ein großer Vorteil gegenüber der 508, die nur jeweils 24 Ereignisse gespeichert hat.

Katheterfüllprogramm:

Im Gegensatz zur 508 muss ich meine Katheter nicht mehr per Hand befüllen. :-) Die Reservoirs, also die kleinen Insulinbehältnisse in der Pumpe, muss ich zwar immer noch manuell aufziehen, was mich aber nicht stört, da ich Analoginsulin benutze und es dieses sowieso nicht in vorgefüllten Ampullen gibt. Die Pumpe hat innen ein Drehgewinde mit einem Stopfen, der sich elektronisch zurückspulen lässt. Dann lässt sich das Reservoir einsetzen und man kann mittels des Katheterfüllprogramms den Katheter füllen, bis vorne Insulin rauskommt. Super praktisch, kaum zu glauben, wie lange ich bei der 508 warten musste, denn da ging alles nur manuell und sehr langsam.
Beleuchtung:
Das Display hat eine grün/blaue Hintergrundbeleuchtung so dass man auch im Dunkeln (nachts oder im Kino) die Pumpe bedienen kann. Die Beleuchtung ist ausreichend, so dass man erkennen kann, wo welche Taste ist, eine Tastaturbeleuchtung wäre allerdings sinnvoll gewesen, denn die Schriften auf den Tasten kann man trotz Beleuchtung nicht erkennen.

Kompatibilität

Infusionssets:

Die Paradigms haben ein völlig eigenes Anschlusssystem, d.h. es gibt spezielle Paradigm-Reservoirs und passende Katheter, und zwar: Easy-Set aus Stahl mit 90° Einstichwinkel, Quick-Set aus Teflon mit 90° Einstichwinkel, Sof-Set aus Teflon mit 90° Einstichwinkel aber ohne Pflaster, und Silhouette mit schrägem Einstichwinkel aus Teflon. Ich komme mit den Teflonkathetern von MiniMed leider nicht klar, würde aber gern Teflon benutzen, daher bin ich auf andere Katheter mit dem klassischen Luer-Anschluss ausgewichen. Die passenden Reservoirs mit Luer-Lock für die Paradigm gibt es von der Firma Wellion. Die Firma Medtronic rät jedoch davon ab diese zu benutzen (warum, ist ja klar ;) ) und übernimmt keine Haftung wenn etwas schief geht. Allerdings hatte ich in meinen 6 Jahren Pumpenerfahrung erst einmal ein kaputtes Reservoir und das war von Medtronic, also keine Hemmung, benutzt die Reservoirs von Wellion ruhig wenn ihr eure "Wunschkatheter" tragen wollt.

Batterien:

Die Paradigms funktionieren mit ganz normalen AAA Batterien, was ein großer Vorteil gegenüber anderen Pumpen ist, die Spezialbatterien benötigen, die teuer und schwer erhältlich sind. Die Batterien halten je nach Beanspruchung der Pumpe (Vibrationsalarm, Beleuchtung etc.) 1-2 Monate. Allerdings funktionieren Billig-Batterien nicht, diese nimmt die Pumpe einfach nicht an, es sollte schon Markenware wie z.B. Energizer sein, nur zur eigenen Sicherheit.

Zubehör

Ein Gürtelclip und eine schwarze Ledertasche sind bei der Lieferung gleich dabei, jedoch gibt es viele verschiedene Pumpentaschen (Nylon, Neopren, Leder, wasserdichte Activityguards, BH-Taschen etc.) und Gurte (Rücken, Bauch, Bein etc.) zu kaufen. Soweit ich weiß übernimmt die Krankenkasse eine Tasche auf Wunsch.

Erhältlichkeit

Natürlich stellt sich jetzt die Frage, woher bekommt man die Pumpe, wenn man eine möchte? Eine Pumpe kostet ca. 4000 - 4500 Euro. Aufgrund der finanziellen Situation in unserem Gesundheitssystem wird die Beantragung einer Insulinpumpe leider immer schwieriger. Ich selbst hatte den Pumpenantrag schon 2002 durch, als ich meine MiniMed 508 bekam. Wenig später kam die Paradigm raus und ich wollte sobald wie möglich die Pumpe wechseln. Bis mir dies gelang, vergingen 4,5 Jahre. Die Krankenkasse wollte die vielen Vorteile der neuen Pumpe einfach nicht einsehen, bis meine Ärztin, meine Mutter und ich so lange darauf drängten, dass mein Antrag endlich bearbeitet wird, bis es klappte. Nicht jede Krankenkasse finanziert die Pumpentherapie und auch nicht jede Pumpe. Hier gilt, hartnäckig sein und dranbleiben. Und wenn man die Pumpe hat: Sich Mühe geben, dass die Werte auch gut bleiben bzw. sich verbessern, denn sonst kommt die Krankenkasse ganz schnell und nimmt sie einem wieder weg, mit der Begründung, dass die Therapie keine Verbesserung mit sich bringt.
Ein ganz klarer Nachteil bei allen MiniMed-Insulinpumpen: Trotz der 4 Jahre Garantie bekommt man nicht automatisch nach Ablauf dieser Zeit eine neue Pumpe (wie bei Accu Chek), sondern muss diese erst beantragen, was nur in Ausnahmefällen genehmigt wird.

Fazit

Ich bin rundum zufrieden mit der Paradigm 512 und empfehle sie allen potentiellen "Pumpis" weiter. Sie sieht gut aus, ist klein und leicht und verfügt über viele nützliche Funktionen. Gerade für Kinder ist sie ideal, da sie sich sehr fein dosieren lässt. Sie funktioniert zuverlässig und hat mich bisher noch nie im Stich gelassen.
Ich vermisse eigentlich nichts, bis auf das Realtime-System, dass bei der 522 mit dabei ist. Dieses wird von der Krankenkasse aber leider sowieso nur in Ausnahmefällen genehmigt. Nachteile: Kein Luer-Lock an den firmeneigenen Reservoirs, keine Garantie bei firmenfremden Reservoirs, dass sie nicht mit Billig-Batterien funktioniert und dass man nach 4 Jahren nicht automatisch eine neue Pumpe bekommt. Für mich, und viele andere Paradigm-Träger, überwiegen dennoch die Vorteile der Paradigm. 5 Sternchen!

Autor: 
Lithium